Die Reitende Artilleriedivision Nr. 2

Wenn man mit militärhistorisch interessierten und wachsamen Augen durch die Reichs-, Residenz- und Bundeshauptstadt Wien geht, findet man jede Menge „Steinerner Zeugen“ aus zwei Jahrtausenden Militärgeschichte. Mosaike und Quadern erinnern an die Römerzeit und das Legionslager Vindobona, französische Obelisken an Napoleon, Kanonenkugeln an die Türkenbelagerungen und Denkmäler von siegreichen Feldherrn und berühmten Regimentern an die Alte Armee der Monarchie.
Mit Ausnahme der Flaktürme oder des „Russendenkmals“ am Schwarzenbergplatz erinnert aber kaum etwas an die schreckliche Zeit des Zweiten Weltkriegs. Oder doch nicht?
Wenn man genau hinsieht, gibt es auch aus dieser Zeit Spuren, oftmals geht man an ihnen gedankenlos vorbei, ohne deren Herkunft oder Bedeutung zu erahnen. Wem fallen schon die Gitter mit der Aufschrift „Luftschutz“ auf einigen Plätzen der Stadt auf, die einstmals den, vor den Bomben der Alliierten in die Luftschutzkeller geflüchteten Bewohnern die einzige Möglichkeit boten, ihre Schutzräume zu verlassen? Wie oft geht man an den zyrillischen Schriftzügen am Stephansdom oder am Josefsplatz vorbei, die von russischen Soldaten im April 1945 an die Häuserfront gemalt wurden, um den nachfolgende Truppen damit anzuzeigen, dass dieses Haus überprüft und damit „Feindfrei“ sei?
Es ist dem Höhlenforscher und Fotografen Robert Bouchal und dem Militärhistoriker Marcello La Speranza zu verdanken, die sich mit akribischer Genauigkeit auf die Suche nach Hinterlassenschaften aus dieser Zeit gemacht und daraus ein Buch erstellt haben. Sie führen den Leser darin an Orte, die nur wenigen Menschen bekannt sind, oder über die man tagtäglich hinweggeht, zeigen inmitten der pulsierenden Großstadt noch immer existierende Ruinen, erforschen vergessene Luftschutzkeller, Stollen- und Bunkeranlagen, dokumentieren verwischte Aufschriften und verblichene NS-Parolen. Gestützt auf die Arbeit in Archiven und Sammlungen, entdeckten sie in verschütteten Kellern und hinter verrosteten Stahltüren so manches bizarre Kriegsrelikt, sie sichteten private und öffentliche Sammlungen und förderten Überraschendes zu Tage: Von der ausrangierten Luftschutzsirene am Dach einer Schule über die verdunkelte Kriegsstraßenbahn im städtischen Straßenbahnmuseum bis hin zu einem Panzer, der beim Bau des neuen Zentralbahnhofs nach 70 Jahren wieder ans Tageslicht kommt und jetzt im Heeresgeschichtlichen Museum zu bestaunen ist. Berichte von Zeitzeugen geben einen authentischen Eindruck vom furchtbaren Geschehen in den Bombennächten. Alle bei den Grabungen gefundenen Objekte erzählen eine Geschichte, eine Geschichte vom schrecklichen Leid, aber auch vom Überlebenswillen, von aufopfernder Hilfsbereitschaft oder von kleinen Zeichen der Hoffnung. Wer hat das Spielzeug, das die beiden Forscher in einem Luftschutzkeller ausgegraben haben, gebastelt? Und wer hat damit gespielt? Welchem Kind wurde damit ein kleinwenig Glück in dieser unglücklichen Zeit geschenkt?
Das Forscherduo dokumentiert auch weniger bekannte Objekte, wie etwa die so genannten "Salzgitter-Bunker". Diese robusten Betonwerke wurden 1944 im Zuge der Treibstoff-Offensive auch in Wien errichtet. Darüber hinaus finden sich in dem historisch fundierten und reichlich bebilderten Buch  zahlreiche Pläne und Fundlisten.

Es ist ein ebenso packendes wie informatives Buch, das dem Leser diesen Teil unserer Vergangenheit nochmals eindrücklich vor Augen führt. Es sind Bilder und Geschichten, die nicht vergessen werden dürfen, die den kommenden Generationen immer wieder auch eines vor Augen halten sollen: „Nie wieder!“ Darüber hinaus fordert die Lektüre die Leserinnen und Leser dieses Buches richtiggehend heraus, mit noch offeneren Augen durch diese wunderschöne Stadt zu gehen und die Reste vergangener Epochen aufzuspüren.

Prof. Mag. Rolf M. Urrisk-Obertyński

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Titel: „Wien – Die letzten Spuren des Krieges – Relikte & Entdeckungen“
Autor: Robert Bouchal, Marcello La Speranza
Verlag: Pichler Verlag, Wien 2012

Hardcover mit SU, 242 Seiten, zahlreiche Farbfotos
ISBN 978-3-85431-593-3